Sonntag, 21. Juni 2015

Die Doppelkapelle hoch über Landsberg bei Halle

Egal, aus welcher Himmelsrichtung man nach Landsberg im Saalekreis fährt, die romanische Doppelkapelle ist nicht zu übersehen. Mit heller Fassade und markantem Dach hebt sie sich ab, vom Dunkel des Porphyr und dem Grün der Bäume. Kunsthistoriker schwärmen von ihr, Brautpaare schätzen sie als Hochzeitslocation und Luther soll hier einmal mit seinen Söhnen übernachtet haben.


Die Doppelkapelle St. Crucis ist ein beliebtes Ziel auf der Straße der Romanik, gehört zur Fürstenstraße der Wettiner und steht am Lutherweg. Eines Sonntags stieg auch ich hinauf auf den Kapellenberg von Landsberg und ließ mich durch die historische Kapelle führen. Dabei erfuhr ich aus fachkundigem Mund so manch Interessantes, warum die Kapelle „doppelt“ ist, was sie so besonders macht und welch bewegte Geschichte sie hinter sich hat.

Die sonntägliche Führung übernahm Herr George vom Bernhard-Brühl-Museum, der, glaub ich, alles über die Kapelle weiß und begeistert darüber spricht. Bis zu jenem Tag hatte ich mir keine Gedanken gemacht, warum dieses mittelalterliche Bauwerk dort steht und warum es Doppelkapelle heißt. 

Die Definition des Bautyps Doppelkapelle habe ich so verstanden:

Man nehme vier durchgehende Säulen, baue eine Kapelle, setze eine zweite Kapelle darüber und lasse ein „Loch“ in der Zwischendecke. Jeder Etage fügt man einen eigenen Eingang zu. Wenn dieser dann auch noch kompakte Maße aufweist, also Höhe, Breite und Tiefe gleich sind, dann hat man eine Doppelkapelle geschaffen.

Von der Abteikirche zur Herrschaftskirche einer mächtigen Burg


Alles begann etwa im Jahr 1136. Konrad von Wettin ließ eine Abteikirche auf dem Burgberg von Landsberg errichten. Etwa 30 Jahre später baute Dietrich III. eine mächtige Burg auf die große Bergkuppe und die kleine Basilika stand plötzlich im Burghof der Markgrafenburg. Dort empfahl sie sich geradezu als Burgkapelle – nur sie gehörte dem Stift Petersberg.

Also handelte der Markgraf mit dem Kloster einen großzügigen Tausch aus und gab die Gützer Pfarrkirche gegen das Kirchlein auf dem Berg her. So wurde die Basilika zur Eigenkirche der Wettiner und musste nur noch zur Doppelkapelle umgebaut werden – aber warum?

In der oberen Kapelle

Warum musste es eine Doppelkapelle sein?


Inzwischen residierte Konrad von Landsberg auf der Burg. Er war seinerzeit ranghöchster Fürst im Hause Wettin und brauchte eine echte Herrschaftskirche. Schon damals galt der Grundsatz vor Gott sind alle gleich und eine Kirche für den Sonntagsgottesdienst musste jedermann zugänglich sein. Jeder Gläubige sollte Gottes (des Priesters) Wort hören und Weihrauch empfangen können. Dennoch wollten die Herrscher nicht beim gemeinen Volke sitzen. Die Doppelkapelle machte Ständetrennung und gemeinsamen Gottesdienst möglich. 

Eine Kirche – drei Eingänge

Portale der Doppelkapell
Landsberg





Genau wie früher das freie aber einfache Burgvolk betraten wir Besucher den altehrwürdigen Innenraum durch das Nordportal. Ursprünglich hatte die Doppelkapelle Landsberg einmal drei Eingänge. Schräg über dem jetzigen Eingang ist noch das zugemauerte Portal des Adels zu sehen, das unfreie Volk kam durch ein Südportal. 










Romanische Baukunst

Eigentlich hatte ich glanzvolle Pracht erwartet, statt dessen umgibt mich schlichte Schönheit – „erhaben“ ist wohl ein treffendes Wort dafür. Vor einigen Jahren wurde die Doppelkapelle von Landsberg sorgfältig restauriert. Die Sanierer haben versucht das Ursprüngliche der mittelalterlichen Bauweise herauszuarbeiten und zu bewahren. Lediglich die Böden stammen aus dem 19. Jahrhundert und die romanischen Sandsteinbögen, Säulen und Wände kommen gut ohne farbigen Anstrich aus.



Blick nach oben
                                                         
                                                                                     
Wir stehen auf der unteren Ebene des 13x13x13 Meter großen Kultraumes und können durch den Raumschacht, vorbei an der oberen Kapelle, bis zur Kreuzgewölbedecke hinaufschauen. Für ihre einzigartige Raumaufteilung und vor allem die reich verzierten Kapitelle ist die Landsberger Doppelkapelle berühmt. Tatsächlich sind die Pfeiler- und Säulenkapitelle wie ein plastisches Bilderbuch des Mittelalters anzuschauen. Jedes ist anders verziert, ich sehe Ornamente, Blumenschmuck und allerlei Figuren, zwei der Plastiken könnten sogar das Stifterehepaar darstellen.

Blick in die untere Kapelle

Blutsäule, Kreuzessplitter und Schnitzaltar in der Doppelkapelle



Damit die Edlen im Mittelalter unbehelligt in die Doppelkapelle kamen, hatten sie ja ein eigenes Portal auf dieser Ebene. Es war über eine hölzerne Galerie direkt mit den Kemenaten verbunden. Doch die Wohnräume der Burg sind verschwunden, also nutzen wir das Treppenhaus, um in die obere Kapelle zu gelangen. Oben bekomme ich, doch noch etwas goldene Pracht zu sehen, den Schnitzaltar. Diesen Altar konnten die Gläubigen im Mittelalter jedoch nicht anbeten, denn er kam erst um 1732 nach Landsberg.

Gotischer Schnitzaltar von Stephan Hermsdorf

Eine Säule der Oberkapelle ist aus rotem Marmor und als Blutsäule bekannt. Der Sage nach hat sie einmal an Karfreitag Blut geschwitzt. Herr George liefert uns eine physikalische Erklärung für dieses Phänomen: Es braucht viele bitterkalte, frostige Tage, damit die feuchte Luft im Sandstein gefriert. Bricht dann ganz plötzlich Tauwetter an, erwärmt sich der Raum, das Wasser in den Sandsteinsäulen und Bögen taut auf. Nur der Marmor ist noch kalt und die Luftfeuchtigkeit kondensiert an der rötlichen, kühlen Oberfläche - die Blutsäule schwitzt. Es heißt, die Marmorsäule schenkte der Papst dem Markgrafen Dietrich III. als, dieser mit Barbarossa auf den Italien-Feldzügen unterwegs war.


Damals soll auch ein Splitter vom Kreuze Jesus mit nach Landsberg gekommen sein, das Reliquienfach in der oberen Kapelle ist heute noch zu sehen. Der heilige Splitter lockte viele Gläubige nach Landsberg und brachte der Doppelkapelle den Namen Sanctae Crucis ein.




Zufluchtsstätte und Ausstellungsräume über der Kapelle


Wir erklimmen eine weitere Treppe und kommen in das dritte Geschoss des Bauwerkes. Offensichtlich diente es profanen Zwecken. Es ist mit allem ausgestattet, was mittelalterliche Bewohner so brauchten, ein Kamin ist da, der Aborterker ist noch erkennbar, neben dem großen Raum sind zwei kleinere Gemächer abgeteilt. Allem Anschein nach war diese Wohnung der letzte Zufluchtsraum der fürstlichen Familie und dieser war auch nötig.

Längst schon haben wir Besucher uns gefragt, wo denn die so wichtige Reichsburg geblieben ist, der die Doppelkapelle angehörte. Natürlich kann Herr George diese Frage ausführlich beantworten: 

Wo ist die Burg Landsberg geblieben?


Im Laufe der Zeit wechselten die Herrscher auf der Burg, ab 1354 waren die Schenken von Landsberg Burgherren. Ein Erbstreit unter diesem Geschlecht läutete das Ende der Burg ein, denn 1508 fühlte sich Schenk Otto, Herr von Landsberg bei der Erbaufteilung benachteiligt. Er brach eine Fehde vom Zaun, die sich gegen die Landesherren (die meißnersche Linie der Wettiner) richtete.

Das konnten sich die sächsischen Herzöge nicht bieten lassen und sie verhängten die Reichsacht über die Burg Landsberg. Im Jahr 1514 wurde die Burg dementsprechend gründlich geschleift. Verschont wurde die Doppelkapelle, vermutlich weil sie ja noch immer eine Eigenkirche der Wettiner war. Die Markgrafenfamilie konnte nur ihr Leben retten und fand Zuflucht im dritten Obergeschoss der Kapelle. 




So mancher Stein der ehemaligen Burg dürfte in den Fundamenten und Kellern der mittelalterlichen Häuser Landsbergs verbaut wurden sein. Auf dem Berg selbst finden sich von der Burganlage nur kleine Reste und die romanische Doppelkapelle.

Es geht noch ein paar Treppenstufen weiter rauf ins Dachgeschoss, der Ausstieg aufs Dach ist noch heute durch zwei Kupferluken möglich, der Ausblick dort ist grandios. Unterm Dach sind interessante Exponate zur Burggeschichte ausgestellt. Darunter ein Burgmodel aus dem Jahr 1985, daran kann ich nachvollziehen, wie die Burg einmal ausgesehen haben könnte.








Gebaut hat das Model der Heimatforscher Gottfried Sehmsdorf und Gunter George war für die farbliche Gestaltung zuständig. Nach diesem Model stand die Doppelkapelle aber nicht so weit am Rand des Berges wie heute. Früher waren Berg und Bergkuppe wesentlich größer. Doch Porphyr ist ein begehrtes Baumaterial. Also wurde auch am Kapellenberg Jahrzehnte lang Stein abgebaut.     


Das Felsenbad Landsberg unterhalb der Doppelkapelle
                                                                                                                                                        Diesem Steinbruch verdankt Landsberg Felsenbühne und Felsenbad, aber das ist ein anderes Thema.




Weitere Informationen zur romanischen Doppelkapelle Landsberg


Mehrere Wege führen auf den Berg, wer mit dem Auto kommt, findet am Bernhard-Brühl-Museum in der Hillerstraße einen Parkplatz. Dort beginnt dann auch ein gemächlicher breiter Spazierweg auf die Bergkuppe. Der seitliche, steile Pfad durchs Gras und über den erstarrten Lavafluss gefiel mir allerdings besser.

Öffentliche Führungen werden an den Samstagen und Sonntagen von Mai bis Oktober angeboten. Außerdem finden ganzjährig Konzerte, Lesungen und Ähnliches in den altehrwürdigen Mauern statt. 

Natürlich kann man sich in der Kapelle taufen, konfirmieren und trauen lassen. Das Standesamt Landsberg bietet Trauungen in der Doppelkapelle an, wer kirchlich getraut werden möchte, wendet sich an das Ev. Pfarramt Landsberg.  

Dies ist mein Beitrag zum Projekt txt. Dominik Leitner hat das Wort Acht vorgegeben - die Reichsacht über Burg Landsberg passt da gut dazu.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

-->