Freitag, 23. Mai 2014

Unterwegs im Europa von 1990

Im ersten Frühjahr nach dem Mauerfall war ich im Reisebus nach Österreich unterwegs. Es ging immer die A9 entlang in Richtung Süden, vorbei an verlassenen Grenzkontrollhäuschen, durch Bayern. 

Der Kontrast war damals noch gewaltig, hinter der ehemaligen Grenze waren die Wiesen und Felder viel grüner. Irgendwann, nach München, wurde mit klar: Dort in der Ferne türmen sich keine skurrilen Wolken auf, das sind echte schneebedeckte Berge.

Wir erreichten die ellenlange Fahrzeugschlange am Grenzübergang Kiefersfelden-Kufstein, jetzt war warten angesagt. Der Busfahrer sammelte unsere Personalausweise ein, um sie gesammelt am Kontrollpunkt vorzulegen. Damit waren wir Busreisenden echt im Vorteil, den PKW Insassen gegenüber.
Doch für deren Leid hatte ich zunächst keinen Blick. Als ich, dem Busfahrer folgend, aus dem Bus stieg, war ich geflasht von der Felswand, die sich vor mir aufbaute. Ich musste den Kopf weit in den Nacken legen, um ganz nach oben zu schauen, wo unter herrlich blauem Himmel bunte Gleitschirme schwebten.

Die wenigsten von denen, die in den Westautos saßen, schon gar nicht die LKW-Fahrer nahmen die faszinierende Landschaft zur Kenntnis. Sie wollten nur endlich über die Grenze, möglichst ohne den Kofferraum ausräumen zu müssen. Schon nach einer knappen Stunde durften wir weiterfahren, allerdings hielten wir nach ein paar hundert Metern erneut, an der Wechselstube. Wer es zu Hause noch nicht getan hatte, konnte jetzt ein paar DM in österreichische Schillinge tauschen.

Obwohl ich seither schon oft in den Alpen war und auf Berge gestiegen bin, krieg ich heute noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Tag denke. Diese Almen voller Kühe, Berge und Täler wie gemalt, Häuser mit Blumen behangen – ich dachte, das gibt es nur auf Postkarten, oder in schwarz-weißen Heimatfilmen.

Dann Mayrhofen, über der Straße und meinem Kopf schwirrten die Gondeln der Seilbahnen. Nie im Leben würd ich da einsteigen, meinte ich damals noch. Niedliche Läden voller potenzieller Mitbringsel und ich kam mit diesem „Währung-umrechnen“ überhaupt nicht klar. Als es dunkel wurde im Zillertal, sah ich, anhand der Lichter, dass dort oben, auf den Bergen Häuser standen und Autos fuhren.












Hinter der Mauer habe ich eine große bunte Welt entdeckt.

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